Brennereien, Spirituosen, Whisky
Schreibe einen Kommentar

Bruichladdich: Islay durch und durch

Bruichladdich

Ich habe mich sehr gefreut, als ich letzthin ein Seminar über die Bedeutung von Terroir bei der Herstellung von Bruichladdich-Whisky besuchen durfte. Es war eine wertvolle Gelegenheit, mich weiterzubilden. Dementsprechend aufmerksam und konzentriert bin ich an die Sache heran gegangen. Noch nie habe ich so sehr auf Geschichte, Herstellung und Handwerk sowie auf Details und Geschmacksnuancen einer Spirituose geachtet, wie an diesem Seminar.

Leider hatte das Erlebnis auch eine unerwartete Seite. Es war für mich wie ein Nachmittag in der Schule. Ich war völlig im Lernmodus gewesen. Ich hatte analysiert und notiert, konnte mir aber viel zu wenig Zeit gönnen, um die sechs Whiskys aus dem Hause Bruichladdich auch sinnlich zu erleben. Am liebsten wäre ich nach dem Seminar noch etwas länger im Raum geblieben, um mich den Whiskys zu widmen. Das war leider nicht möglich.  

So konnte ich  kaum in den geniesserischen Gemütszustand verfallen, den ich unbedingt brauche, um einen subjektiven Eindruck entstehen zu lassen. Das war etwas unbefriedigend. So wollte ich Bruichladdich nicht vorstellen. Denn ein sachlicher Bericht würde diesen Single Malts nicht gerecht, fand ich. Niemals.

Secret Treasures: Mein Schatz

Bruichladdich

Bruichladdich “The Secret Treasures”: Eine Trouvaille! (Foto: Scotchwhiskyauctions.com)

Da kam mir wieder einmal ein unglaublicher Zufall zu Hilfe. Um mich in die richtige Stimmung für einen Artikel über Scotch zu bringen, wollte ich mir einen Single Malt gönnen. Als ich vor meinem Spirituosen-Schrank stand, sah ich als erstes meine Flasche 31-jährigen Cask Strength Glenglassaugh von Signatory, den ich per Zufall im genialsten Whisky Shop von Zürich entdeckt habe. Eine Rarität, die ich mir für spezielle Anlässe aufspare. Dahinter war eine Flasche Balvenie Double Wood. Sehr fein. Und ganz zuhinterst, völlig versteckt und vergessen? – Eine Flasche Bruichladdich! Und erst noch etwas Spezielles: eine Abfüllung von Moray aus der „The Secret Treasures“-Serie, eine von 378 Flaschen. 1989 destilliert, 2002 abgefüllt. Sie war noch halbvoll.

Ich musste nicht lange überlegen und habe mir ein Glas eingeschenkt. Und plötzlich hatte alles einen Sinn: Der Whisky in meinem Glas, die Erläuterungen des Seminarleiters, die Geschichte der Destillerie und das jetzige Sortiment von Bruichladdich.

Ich wusste, dass die Flasche, die ich in der Hand hielt, eine der unzähligen Abfüllungen aus der Zeit war, als die Destillerie noch nicht seiner jetzigen Philosophie folgte. Das machte den Whisky, den ich zu Hause hatte nicht schlechter als die neuen aus dem Hause Bruichladdich. Ganz im Gegenteil. Aber es war der beste Hintergrund, den ich mir für meinen Bericht über das Tasting am Whisky-Seminar wünschen konnte, weil er mir die Entwicklung von Bruichladdich sinnlich vor Augen führte.

Bruichladdich: Eine viktorianische Destillerie erwacht im 21. Jahrhundert

Bruichladdich wurde 1881 von den Harvey-Brüdern im Westen von Islay gebaut. Die Brennerei war im Gegensatz zu den meisten anderen Destillerien, die in umgebauten Bauernhäusern entstanden, von Anfang an als Destillerie geplant und erhielt die modernste Ausrüstung, die das viktorianische Zeitalter zu bieten hatte. Ein grosser Teil der damaligen Ausrüstung ist noch heute in Betrieb und sorgt für eine Whisky-Herstellung, die authentischer nicht sein könnte.

Die Entwicklung des Unternehmens selbst verlief leider nicht geradlinig. Es kam zu mehreren Besitzerwechseln. Von 1929 bis 1937 wurde nicht produziert. Invergordon Destillers, denen Bruichladdich von 1968 bis 1988 gehörte, baute 1974 zwei weitere Brennblasen ein. 1994 wurde die Brennerei erneut stillgelegt.

Das Blatt wendete sich im Jahr 2000, als der ehemalige Weinhändler Mark Reynier und eine Gruppe von Investoren die Destillerie für 7‘500‘000 £ kauften. Was sich nach einem grossen Betrag für eine stillgelegte Brennerei anhört, wird nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass in den Lagerhäusern von Bruichladdich damals Whisky im Wert von 5‘000‘000 £ schlummerte. In der Anfangsphase nach der Neugründung waren Abfüllungen dieses Whiskys auch die einzige Möglichkeit, zu Flüssigem zu kommen. In jedem Sinne des Ausdrucks.

Ein Terroir-Whisky?

Die Tatsache, dass der neue Chef von Bruichladdich, Mark Reynier, aus dem Weinhandel stammte, war für Bruichladdich ein echter Glücksfall. Er ging mit einer für Whisky-Produzenten völlig ungewohnten Haltung an die Herstellung heran. Der Gedanke von Terroir war vorher etwas, dass man in erster Linie mit Weinen verband. Whisky-Brenner interessierten sich nicht gross dafür, woher die Grundzutaten für ihre Spirituose stammten. Auf Reyniers Frage, woher die Gerste kam, die genutzt wurde, wurde ihm mitgeteilt: aus Glasgow. In anderen Worten aus dem internationalen Grosshandel. Mit Terroir hatte das reichlich wenig zu tun.

Das wollte Reynier ändern. Die Destillerie kaufte fortan nur noch Gerste, die in Schottland selbst angepflanzt wurde. Heute versucht Bruichladdich sogar explizit Sorten einzukaufen, die in Schottland heimisch sind, wie das Bere Barley, das auf den Orkney Inseln seit rund 6000 Jahren angebaut wird.

Wie ernst es Bruichladdich ist, ein Produkt herzustellen, das authentisch ist und mit dem Terroir verbunden ist, zeigt die Tatsache, dass die Brennerei die Bauern in der Umgebung überzeugen konnte, auf Islay selbst wieder Gerste anzupflanzen. Heute wächst direkt neben der Destillerie ein Teil der Gerste, die ihren Weg in die Whiskys von Bruichladdich findet. Das ist in der Whisky-Industrie absolut einzigartig.

Der Terroir-Gedanke wird bei Bruichladdich heute in jeder Hinsicht umgesetzt: Alle Whiskys werden unter Verwendung von Islay-Quellwasser hergestellt, reifen bei Bruichladdich und werden auch vor Ort abgefüllt.

Das Modell, mit den Inselbewohnern selbst einen schottischen Whisky herzustellen, der den Namen auch verdient, ist ein durchschlagender Erfolg. Rund 10 Farmen haben von der Fleisch- auf die viel lukrativere Gerstenproduktion umgestellt. Heute ist Bruichladdich der grösste Arbeitgeber auf Islay.

Bruichladdich: Authentische, überraschende Islay Whiskys

Das bringt mich wieder zu meinem Whisky-Seminar. Nachdem wir viel über die Destillerie, Terroir und Gerste gelernt hatten, ging es darum, die Whiskys aus dem Hause Bruichladdich zu verkosten. Diese Single Malts hatten wenig mit dem Bruichladdich zu tun, den ich zu Hause hatte. Sie stammten alle aus der neuen Produktepalette, d. h. es waren alles Whiskys, die entsprechend der neuen Vision der Macher hergestellt wurden. Das sah man nicht nur am modernen Design der Flaschen, sondern auch am Alter.

Bruichladdich

Von links nach rechts: Bruichladdich, The Classic Laddie Scottish Barley; Bruichladdich, Islay Barley Rockside Farm 2007; Port Charlotte, Scottish Barley; Port Charlotte, Islay Barley; Octomore, Scottish Barley Edition 07.1; Octomore, Virgin Oak Edition 07.4 (Foto: Mahmud Tschannen)

Das aktuelle Sortiment von Bruichladdich ist in der Regel zwischen 5 und 12 Jahre alt. Einer von ihnen wird sogar als sogenannter NAS, d.h. als „non age statement“ ohne Altersangabe angeboten. Diese Whiskys galt es zu degustieren. Wir erhielten sechs zur Probe:

  • Bruichladdich, The Classic Laddie, Scottish Barley: Dieser Whisky in der unverwechselbaren hellblauen Flasche wird mit schottischer Gerste hergestellt. Er wird zwar ohne Altersangabe angeboten, wir erfuhren, dass der Laddie in der Regel zwischen 7 und 12 Jahre alt ist. Der Whisky wird in verschiedenen Fässern, unter anderem Weinfässern, gelagert. Alle Whiskys, die als „Bruichladdich“ abgefüllt werden, sind ungetorft, was sie von den anderen Whiskys der Brennerei unterscheidet. Das ist auch geschmacklich spürbar. Der Laddie zeigt süsse, florale Noten mit einem Hauch Zitrone. Ein Whisky, der sich nicht in den Vordergrund drängt. Ideal für einen lockeren Abend zu Hause mit Freunden. Warum die Flasche blau ist, lässt das Titelbild ganz oben erahnen.
  • Bruichladdich, Islay Barley, Rockside Farm, 2007: Dieser Bruichladdich deklariert seine Herkunft auf den ersten Blick. Nicht nur wurde die Gerste auf Islay produziert, wir erfahren auch auf welcher Farm. Der Islay Barley 2007 wird sechs Jahre in Bourbon-Fässern gelagert. Von der Farbe und vom Geschmack her ist er dem Classic Laddie ähnlich. Etwas würziger, malziger. Sanft, langer Abgang.
  • Port Charlotte, Scottish Barley: Dieser „heavly peated“, d. h. stark getorfte Whisky (40 ppm) von Bruichladdich wird mit schottischer Gerste hergestellt. Die Abkürzung «ppm» steht für «parts per million» und gibt den millionsten Anteil der Phenole an, die sich aus dem Torfrauch über den Malz auf den Whisky übertragen. Dieser 6- bis 11-jährige Whisky riecht in der Nase denn auch stark torfig. Zum Raucharoma gesellen sich Leder- und Jod-Töne. Auf der Zunge schmeckt man das Rauchig-Torfige ebenfalls sofort, aber auch Süsse und Vanille-Noten. Alles in allem ein komplexer, eleganter Whisky.
  • Port Charlotte, Islay Barley: Ebenfalls ein „heavily peated“ Whisky, ebenfalls mit 40 ppm Torfgehalt. Das torfige Aroma mit einer sehr ledrigen (fast schon animalischen) Note macht diesen Whisky bereits in der Nase zu einem Erlebnis. Der süsse, rauchige, komplexe Geschmack mit Holznoten überrascht angesichts des jungen Alters von nur sechs Jahren. Im Gegensatz zum Namensvetter aus schottischer Gerste kaum iodig/salzig.
  • Octomore, Scottish Barley, Edition 07.1: Mit einem Torfgehalt von 208 ppm einer der torfigsten Whisky der Welt. Die Beschreibung „super heavily peated“ ist wahrlich keine Übertreibung. Wer das Aroma des Whiskys in die Nase steigen lässt, muss Inne halten. Es steigen einem zuerst sanfte Zitrus- und Tabak-Noten entgegen, um dann unaufhaltsam von einem intensiven und harmonischen Torfraucharoma verdrängt zu werden. Vanille- und Karamell-Töne lassen sich erahnen. Auf der Zunge lassen der runde, süsse, rauchige, fruchtige, karamellige und unglaublich komplexe Geschmack einen vergessen, dass man einen Whisky in Fassstärke (59 Volumenprozent) geniesst. Sehr gefährlich. Dementsprechend klingt dieser Tropfen noch lange nach und lässt einen schwelgen. Das Unglaubliche: Er wird nur 5 Jahre in amerikanischer Eiche (Bourbon-Fässer) gelagert. Seine Sanftheit und Harmonie erhält er von seiner langen Destillierzeit und einem längeren Vorlauf. Mein absoluter Favorit.
  • Octomore, Virgin Oak, Edition 07.4: Diese einmalige Abfüllung ist ebenfalls ein „super heavily peated“ Single Malt. Mit 167 ppm etwas weniger torfig als der Octomore 07.1. Dieser 7-jährige Whisky wird zu 25% in jungfräulicher französischer Limousin-Eiche und zu 75% in Bourbon-Fässern gelagert. Mit 61,2 Volumenprozent ein unglaublich kräftiger Whisky. In der Nase süss und rauchig. Auf dem Gaumen Eiche und Karamell. Ein intensives, befriedigendes Erlebnis. Mit ein paar Tropfen Wasser entweicht ein wahres Feuerwerk an Aromen: Nelke, Zitrone, Karamell, Honig. Wunderschön!
Bruichladdich

Blick auf Bruichladdich vom Meer aus. (Foto: Bruichladdich.com)

 

(Visited 547 times, 1 visits today)

Kommentar verfassen