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Auf einen Züriride mit Style

Schon von weitem sehe ich: Jeroen van Rooijen, der Initiator des Saturday Style Ride und bekannt als Journalist in Sachen Mode und Stil, wird ernst genommen. Am Treffpunkt zur Tour erblicke ich Frauen und Männer, deren Velo bis ins Detail auf ihr Outfit abgestimmt ist – oder umgekehrt. Viele Outfits lassen eine bestimmte Zeit aufleben, seien es die 30er oder 40er Jahre, seien es die 80er Jahre. Dass am Style Ride alles geht, bestätigt mir Jeroen. Er bezeichnet sein eigenes Outfit als «eclectic» und möchte damit sagen: Hier ist nicht ein bestimmter Stil gefragt, sondern deiner. Jeder soll aus seinen liebsten Zeiten und Quellen schöpfen. Genau deshalb haben sich heute alle mit Freude herausgeputzt.

Beim Saturday Style Ride geht es darum, «gemeinsam mit gleichgesinnten Menschen, die auch Spass an Stil und Velos haben, einen inspirierenden, lockeren Nachmittag zu verbringen». Der Ride soll also vor allem ein Vergnügen sein, und das merkt man sofort. Als erstes fallen mir die zahlreichen Männer mit frisch getrimmten Bärten ins Auge. Haben sie diese extra für heute wachsen lassen? Egal, denn es passt! Bei den Frauen fällt mein Blick sogleich auf die Frisuren: unter Hütchen gesteckte Haare, gelegte Locken, bunte Blumen oder perfekt drapierte Bänder im Haar.

Überhaupt ist hier Schönes à discrétion zu entdecken! Bei den Männern: Vintage-Anzüge, kurze Hose zu Kniesocken, Knickerbockers, Hosenträger, rahmengenähte Halbschuhe, kniehohe Lederstiefel, Ledergamaschen (gegen den angekündigten bösen Regen), Schiebermützen, Zylinder, Einstecktücher, Fliegen, mit Brillantine fixierte Haare, Goldrandbrillen, Satteltaschen – und fröhliche Gesichter. Bei den Frauen: Röcke, die ich ganz altmodisch «es wunderschöns Kleidli» nennen würde, Deux-Pièces, Peeptoes, Bérets, unter dem Kinn gebundene Seidenkopftücher, roter Lippenstift, mit Champagner-Sets oder selbst eingelegten Kirschen gefüllte Velokörbe – und dazu passend eine sophisticated Haltung. Bei den Velos gibt es alles: vom originalen Engländer oder dem selbst konstruierten Paralleltandem bis hin zum klassischen Damenrad, dem Rennvelo aus den 80ern, dem custom-made Bike aus der Jetztzeit, dem Mafioso-Chopper mit fetten Pneus oder dem Hochrad, wie man es ab 1870 fuhr.

Obwohl ein Getümmel von Menschen und Fahrrädern herrscht, sollten inzwischen alle bereit sein, um in die Pedale zu treten. Zur Stärkung bekomme ich aus einer mit Eis gefüllten Lenkrad-Barkiste ein Cucozade gereicht, das, wie ich erfahren habe, wirklich Berocca enthält! Ein Stückchen fahre ich noch mit, und diese gemeinsame Velofahrt durch die Innenstadt erinnert mich sogleich an die Velodemos aus der Atomkraft-Nein-Danke-Zeit. Beim ersten Pit Stop und den ersten Regentropfen (nach einem durchaus sonnigen Start!) verlasse ich den Ride. Aber nur, um später wieder dazu zu stossen.

Ich fahre mit dem hellblauen 70ties Damenvelo meiner Tochter zur Rangverkündigung beim Viadukt, genauer gesagt, unter einem Viaduktbogen. Denn es regnet immer noch. Schade! Zum Trost greife ich nach einer Tasse (ja, Tasse!) Hendrick’s Gin mit Tonic, frischen Gurkenscheiben und Pfeffer. Wie es sich gehört. Die allgemeine Stimmung ist gut und die verliehenen Preise sind so toll, dass einige, die sich am Morgen mit Freude gestylt haben, nun gleich nochmals Freude haben. Alles bestens. Einzig vom Gewinner mit dem Hochrad hätte ich als Dank für die überreichte Uhr eher einen Knicks erwartet als ein einfaches Posieren fürs Foto. Den Zylinder hätte er dafür ganz vornehm abnehmen können. Es ist halt doch nicht so einfach, bis ins allerletzte Detail Stil zu bewahren!

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Fotos: Marion Lim
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Marion Lim ist in Basel geboren, wohnt seit 20 Jahren in Zürich und ist genauso lange Texterin. Sie hat in renommierten Werbeagenturen gearbeitet und kürzlich den CAS Professionelle Medienarbeit abgeschlossen. Daneben ist sie hier und da zum Bloggen unterwegs.

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